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Ulrich Schmid review of German _Strong Opinions_
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Der Dämon der Verallgemeinerung
Vladimir Nabokov äussert «Eigensinnige Ansichten» Vladimir Nabokov war der Albtraum der Kulturjournalisten. Vor dem Interview mussten die Fragen schriftlich eingereicht werden, beim persönlichen Treffen las Nabokov seine Antworten ab. Eine besondere Hürde stellten Fernsehauftritte dar: Der Meister ...
Saturday 2004-11-20, NZZ German (German)




20. November 2004, 02:11, Neue Zürcher Zeitung

Der Dämon der Verallgemeinerung
Vladimir Nabokov äussert «Eigensinnige Ansichten»
Vladimir Nabokov war der Albtraum der Kulturjournalisten. Vor dem Interview mussten die Fragen schriftlich eingereicht werden, beim persönlichen Treffen las Nabokov seine Antworten ab. Eine besondere Hürde stellten Fernsehauftritte dar: Der Meister verbarrikadierte sich hinter Stapeln von eigenen Büchern, um seine Karteikarten mit den Antworten vor der Kamera zu verstecken. Der Vergleich des gesendeten Interviews mit dem Text der Karteikarten zeigt, dass Nabokov Bitten nach zusätzlicher Präzisierung konsequent abblockte und überhaupt kaum von seinem vorgefertigten Text abwich. Symptomatisch ist ein Fernsehinterview für den NDR aus dem Jahr 1966, das mit einer effektvoll einstudierten Szene endete. Auf die Frage «Schreiben Sie einen neuen Roman?» antwortete Nabokov, die Brille abnehmend: «Ja.» - «Möchten Sie darüber sprechen?» - Direkt in die Kamera: «Nein.»

Das Resultat solcher Interviews ist oft zwiespältig: Auf der einen Seite stellen Nabokovs Interviews literarisch anspruchsvolle und sorgfältig formulierte Texte dar, auf der anderen Seite bekommt man jedoch kaum einen authentischen Eindruck des grossen Wortkünstlers, dem die Literatur erklärtermassen als sublime Form der Täuschung galt. Ein solcher Anspruch ist in diesem Fall aber möglicherweise ganz unangemessen: Nabokov arbeitete sorgfältig an seinem Image; spontanes Verhalten setzte er mit naiver Unreflektiertheit gleich. Mit Vorbedacht schirmte er sein Privatleben von den Journalisten ab, eine Home-Story wäre ihm ein Graus gewesen. Dagegen amüsierten ihn die angestrengten Versuche von Interviewern, biografische Parallelen zu Episoden aus seinen Büchern zu suchen. Solche Fragen waren ihm nur Beweis für das fehlende ästhetische Urteilsvermögen seiner Gesprächspartner. Nabokovs Standardlösung bestand in der Bemerkung, es gebe keinen Realismus und die Kunst verfüge über eine eigene Realität.

Letztlich schöpfte Nabokov in seinen Interviews aus einem beschränkten Fundus von Meinungen. In einem Manuskript mit dem Titel «Favourite Hates» stellte Nabokov im Oktober 1964 sogar eine Liste seiner Hassobjekte zusammen. Die einzelnen Positionen stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen, weisen aber einen gemeinsamen Nenner auf: die Nichtrespektierung der schöpferischen Individualität. So verwahrt sich Nabokov gegen Musikberieselung, «Schmierereien» oder «Schrottskulpturen» aus der Avantgardekunst, Klubs, «feindselige» Gegenstände wie den zusammengefalteten Taschenschirm, der sich nicht mehr öffnen lässt, Babys in Eisenbahnzügen und schliesslich vier Doktoren: Dr. Freud, Dr. Schweitzer, Dr. Schiwago, Dr. Castro.

Neue Entdeckungen
Es ist dem Herausgeber Dieter E. Zimmer zu verdanken, dass den deutschsprachigen Lesern im internationalen Vergleich die zuverlässigste und bestkommentierte Nabokov-Werkausgabe zur Verfügung steht. Nicht nur die sorgfältige Aufbereitung des Textes ist vorbildlich; auch Zimmers Nachworte bieten ausnahmslos eine fundierte und innovative Einführung in die Thematik. Von geplanten 24 Bänden sind bereits 18 erschienen. Der neuste Band vereinigt Interviews, Feuilletons und Essays aus den Jahren 1921 bis 1977, die entweder schwer zugänglich oder überhaupt noch nicht publiziert waren. Unter diesen Trouvaillen findet sich etwa ein wichtiger Vortrag aus dem Jahr 1926, in dem sich Nabokov gegen den «Dämon der Verallgemeinerung» wendet.

Hier äussert sich ein Impetus, der als repräsentativ für Nabokovs gesamtes Werk gelten kann: Nabokov forderte nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Übersetzern absolute Detailtreue und stilistische Genauigkeit ab. Von derselben Abneigung gegen allgemeine Systeme und verbindliche Wahrheitsentwürfe ist ein kurzer Zeitungsartikel aus dem Jahr 1927 beseelt, in dem Nabokov anlässlich des Zehn-Jahre-Jubiläums der Oktoberrevolution mit der ihm eigenen scharfen Zunge über den «süsslich-sentimentalen Beigeschmack der bolschewistischen Spiessbürgerlichkeit» herzieht.

Eine besondere Entdeckung ist die Erstveröffentlichung einer Vorlesung über Thomas Mann, die Nabokov vermutlich im Jahr 1950 geschrieben hat. Bisher war Nabokovs rabiate Ablehnung nur durch einzelne boshafte Bemerkungen über Manns Werk belegt, das er als «big fake» bezeichnete. Durch den neu entdeckten Text wird deutlich, woran genau Nabokov sich störte. Er monierte, dass Thomas Manns Figuren klischeehafte Konstruktionen seien, die in durchsichtiger Weise für diese oder jene allgemeine Idee stehen: «Sie wollen eine rührende Figur? Vier Zutaten reichen: Frau, alt, klein, arm. Da haben Sie sie. Sie wollen einen stolzen Aristokraten? Bitte sehr - Monokel, Gamaschen, Schnurrbart, Hund.» Nabokovs Indignation wurde möglicherweise noch durch das vergebliche Warten auf den Nobelpreis verstärkt, für den er sich durchaus zu Recht als valablen Kandidaten sah - 1974 stand er mit Saul Bellow und Graham Greene auf der short list des Komitees. In einem Interview bekannte er, er schreibe nicht schlechter als Rabindranath Tagore (Preisträger von 1913), Grazia Deledda (1926) oder - wie man hinzufügen könnte - Thomas Mann (1929).

Ansichten über die Schweiz
Der neue Essayband enthält schliesslich einige amüsante Helvetica. Der finanzielle Erfolg von «Lolita» erlaubte es Nabokov, sich von seiner Professur an der Cornell-University zurückzuziehen. Von 1961 bis zu seinem Tod im Jahr 1977 lebte Nabokov mit seiner Frau in einer Hotelsuite in Montreux. Nabokov machte jeweils drei Gründe für die Wahl seines Domizils geltend: Sein Sohn singe an der Mailänder Oper, die Schweizer Post sei zuverlässig, und in den Schweizer Bergen gebe es eine Menge faszinierender Schmetterlinge. Die Interviews bieten allerdings auch einen Wermutstropfen für das Schweizer Selbstbewusstsein. Nabokov mochte das Bier nicht: «Feldschlösschen ist etwas für Feldmäuse.» Ausserdem störten ihn die trostlosen Wintermonate und die einheimischen Hunde, die seinen alten Barsoi nicht akzeptierten. Auf den Punkt brachte Nabokov seine grundsätzlich wohlwollende Haltung zur Schweiz in einem Interview mit der «Tribune de Lausanne» aus dem Jahr 1963: «Ich habe nichts an der Schweiz auszusetzen. Nur an den Kühen. Sie vertreiben die Schmetterlinge.»

Ulrich M. Schmid

Vladimir Nabokov: Eigensinnige Ansichten. Herausgegeben von Dieter E. Zimmer. Aus dem Englischen, Russischen, Französischen und Italienischen von Dieter E. Zimmer, Sabine Hartmann, Christel Gersch, Kurt Neff, Gabriele Forberg-Schneider, Karin Finkenmeier und Norbert Randow. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2004. 656 S., Fr. 65.30.






Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter: http://www.nzz.ch/2004/11/20/fe/page-article9YIQL.html





Machine Translation:


The Daemon of the verallgemeinerung
Vladimir Nabokov expresses "eigensinnige opinions"

Vladimir Nabokov was the Albtraum of the culture journalists. Before the interview the questions had to be submitted in writing, with the personal meeting read off Nabokov its answers. Television appearances represented a special hurdle: The master barricaded itself behind piles of own books, in order to hide its record sheets with the answers before the camera. The comparison of the sent interview with the text of the record sheets shows that Nabokov requests abblockte after additional specifying consistently and at all hardly deviated from its prefabricated text. A television interview for the NDR is symptomatic from the year 1966, which ended with an impressively rehearsed scene. On the question "letter it a new novel?" Nabokov, the eyeglasses answered removing: "." - "you would like to speak about it?" - direct into the camera: "no."

The result of such interviews is often zwiespaeltig: On the side Nabokovs interviews represent literarily fastidious and carefully formulated texts, on the other side however hardly get one an authentic impression of the large word artist, who explain-measured the literature as sublime form of the deception applied. Such a requirement is however possibly completely inadequate in this case: Nabokov worked carefully on its image; it equated spontaneous behavior with naive unreflectedness. With premeditation it shielded its private life from the journalists, a Home Story it a Graus would have been. On the other hand the exerted attempts of interviewers amused it to look for biographic parallels to episodes from its books. Such questions were it only proof for the missing aesthetic faculty of judgement of its interlocutors. Nabokovs standard solution did not exist in the remark, it gives realism and the art has its own reality.

In the long run Nabokov in its interviews drew from a limited fundus of opinions. In a manuscript with the title "Favourite Hates" even arranged Nabokov in October 1964 a list of its hate objects. The individual positions originate from the most different ranges, exhibit however a common denominator: the Nichtrespektierung of the creative individuality. Thus Nabokov keeps itself hostile "articles against music sprinkling," Schmierereien "or" scrap iron sculptures "from the avant-garde art, club," like the folded up taschenschirm, which cannot be opened any longer, babies in railway trains and finally four doctors: Dr. Freud, Dr. Schweitzer, Dr. Schiwago, Dr. Castro.

New discoveries
It is the publisher Dieter E. To owe room that in the international comparison the most reliable and bestkommentierte Nabokov Werkausgabe is to the German-speaking readers at the disposal. Not only the careful dressing of the text is exemplary; also room epilogs offer without exception a founded and innovative introduction to the topic. From planned 24 volumes already 18 appeared. The newest volume combines interviews, feuilletons and essay from the years 1921 to 1977, which were either with difficulty accessible or at all not yet published. Under this Trouvaillen for instance an important lecture is from the year 1926, in which Nabokov turns against the "Daemon of the verallgemeinerung".

Here expresses itself a Impetus, which can be considered as representatively work entire for Nabokovs: Nabokov claimed itself not only, but also from its translators absolute detail loyalty and stylistic accuracy. From the same dislike against general systems and obligatory truth drafts a short newspaper article is inspired from the year 1927, in which Nabokov pulls on the occasion of the ten-year anniversary of the October Revolution with it own the sharp tongue over the "suesslich sentimental taste of the bolschewistischen Spiessbuergerlichkeit".

A special discovery is the Erstveroeffentlichung of a lecture on Thomas's man, which probably wrote Nabokov in the year 1950. So far Nabokovs rabiate refusal was over man work occupied only by individual malicious remarks, which he called "big fake". By the again discovered text it becomes clear that exactly Nabokov disturbed itself. It monierte that of Thomas's man figures were plateful constructions, which in transparent way for these or that general idea: "you want an agitating figure? Four added are enough: Woman, old, small, poor. There you have it. They want a proud Aristokraten? Ask much - Monokel, lower jaws, Schnurrbart, dog." Nabokovs Indignation was strengthened possibly still by futile waiting on the Nobelpreis, for which he quite saw himself rightfully as a valablen candidate - he stood for 1974 with Saul Bellow and Graham Greene on short cunning of the committee. In an interview well-known it, it does not write more badly than Rabindranath Tagore (winner of 1913), Grazia Deledda (1926) or - as one could add - Thomas's man (1929).

Opinions over Switzerland
The new essay volume finally contains some amusing Helvetica. The financial success of "Lolita" made it possible to Nabokov to withdraw itself of its Professur to the Cornell University. From 1961 to its death in the year 1977 Nabokov with its wife in a Hotelsuite in Montreux lived. Nabokov made in each case three reasons for the choice of its Domizils valid: Its son sings Swiss post office at the May countries opera, is reliable, and into Swiss to mountains give it a quantity of fascinating butterflies. The interviews offer however also a who courage drop for to Swiss the self-confident its. Nabokov did not like the beer: "Feldschloes is something for field mice." In addition the hopeless winter months and the native dogs, which did not accept its old Barsoi, disturbed it. On the point Nabokov brought its in principle well-meaning attitude to Switzerland in an interview with the "Tribune de Lausanne" from the year 1963: "I do not have to suspend anything at Switzerland. Only at the cows. They sell the butterflies."

Ulrich M. Schmid

Vladimir Nabokov: Eigensinnige opinions. Given change by Dieter E. Room. From the English, Russian one, French and Italian by Dieter E. Room, Sabine hard man, Christel Gersch, Kurt Neff, Gabriele Forberg cutter, Karin finch Meier and Norbert Randow. Rowohlt publishing house, Reinbek 2004. 656 S., Fr. 65.30.